A Great Performance, A Wonderful Evening

Here are two reviews from our performance at this year’s Salzburger Festspiele with Bejun Mehta.

Bejun Mehta Cantata Recital

LaNuovaMusica_Salzburg_C_MichaelPoehn

Hüpfen, springen, totentanzen

“Lamentiert wird in der Barockmusik nicht wenig: zum Beispiel aus Liebeskummer. Aber wenn’s ans Sterben ging, gab man sich fröhlich – in der Gewissheit auf eine bessere Welt. Am Mittwoch lamentierte und frohlockte bei den Salzburger Festspielen Countertenor Bejun Mehta bei einem Kantaten-Programm. “Ich freue mich auf meinen Tod” – ein fröhliches Tändeln im Sechsachteltakt hat sich Bach in der Kantate “Ich habe genug” für die heute befremdlich anmutende Einstellung zum Lebensende ausgedacht. Mehta hat das so gefasst, dass man es so auf einen Nenner bringen könnte: hüpfen, springen, totentanzen.

Er weiß um das Besondere seiner Stimme. Sie ist in den Lagen jeweils charakteristisch gefärbt, die Tiefe wirkt viril, die höchsten Töne können so glockenhell-luzid angesetzt sein, dass sie wie von draußen hereinzuwehen scheinen. Wo andere sich bemühen, Klangfarbe von unten bis ganz oben ebenmäßig durchzuziehen, spielt er mit Kontrasten, lotet Grenzen aus. Manieriertheit ist dabei immer Thema, aber selbst außergewöhnliche Lösungen sind auf den Text zurückgebunden. Was Mehta so nebenbei an improvisierten Melodieauszierungen liefert, macht Staunen. Im englischen Originalklangensemble La Nuova Musica hatte Bejun Mehta gediegene Mitstreiter: Wie viel nicht in den Noten stehenden Zierrat hat die Oboe eingebracht! Das Klangrednerische und die Spieldisziplin des Kammerorchesters entspricht heutigem Standard. David Bates, der die Gruppe vom Tasteninstrument (Cembalo oder Orgel) aus leitet, bringt in die Interaktion mit dem Sänger viel eigenständige Gestaltung ein.”

Wiener Zeitung

Bejun Mehta verführt zum Lamentieren

Eine tolle Performance, ein wunderschöner Abend

“Salzburg (APA) – Die hohe Kunst des Lamentierens kann von anrührender Schönheit sein. Der US-amerikanische Countertenor Bejun Mehta verführte bei den Salzburger Festspielen gestern, Mittwoch, in barocke Todessehnsucht und elegisches Liebesleid. Das Haus für Mozart war Schauplatz für einen Kantatenabend der Sonderklasse. Lange Standing Ovations.

Mehta zählt zu den führenden Countertenören unserer Zeit. Seine Stimme ist ein wahres Wunderwerk der Gesangstechnik – seine ursprüngliche Stimmlage war Bariton, heute erreicht sein Altus bei ungetrübter Makellosigkeit Höhen bis ins zweigestrichene e und gewaltige Volumina. Unbeschreiblich sein Ton, es liegt soviel Ruhe, Raum und Resonanz darin, als hätte er einen ganzen Chor samt Kirche verschluckt. Dazu führt er die Stimme mit solcher Anmut durch die ausladenden Koloraturen in den Kantaten Händels, Bachs und Vivaldis, dass das Publikum fast ohne Unterlass die Hände zum Zwischenapplaus gezückt hält.

Sein Kantatenprogramm, bei dem sich Mehta von La Nuova Musica, einem jungen britischen Ensemble für Alte Musik unter dem aufstrebenden Originalklangdirigenten David Bates, begleiten lässt, hat sich dem Lamento verschrieben. Eine eigene barocke Ariengattung, die religiöse Jenseitsmystik, wie in Bachs bekannter Kantate „Ich habe genug“, ebenso miteinschließt wie liebestraurige Klagegesänge, etwa Händels „Mi palpita il cor“ oder Vivaldis „Pianti, sospiri e dimandar mercede“.

Das Lamento-Genre ist jedenfalls dem klaren Ziel verpflichtet, seine Zuhörer – zwecks Katharsis – durch einen ganzen Reigen von Emotionen zu stoßen. Und es ist dazu – jedenfalls in so fantastischer Ausführung – auch bestens geeignet. Todesseligkeit und Lebensmüdigkeit, Liebesleid und Leidenslust: Bach und Händel haben sie als zwei Seiten in großartige melodische Medaillen gegossen. Auch Bach senior übrigens, Johann Christoph Bach, der, wie wir heute wissen, „Ach, daß ich Wassers gnug hätte“ komponierte sowie Melchior Hoffmann, dessen bewegendes „Schlage doch, gewünschte Stunde“ so lange Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde, dass es immer noch eine Nummer aus dem Bach-Werkeverzeichnis trägt.

Zwischen den Arien wurden auch zwei instrumentale Stücke platziert, ein zauberhaft musiziertes Concerto Grosso von Arcangelo Corelli und die Sonata a 5 in B-Dur von Händel. Fein klingt das auf den Originalklanginstrumenten, aber ach, die Krux mit den Darmsaiten! Nicht nur, dass sie genauso oft gestimmt werden wollen, wie die Musiker zum Spielen anheben, der Solo-spielenden Konzertmeisterin schnalzte eine der Widerspenstigen auch noch inmitten des Adagio der Händel-Sonate davon – mit dem Resultat, dass die toughe junge Frau das Stück einfach auf dem Instrument einer Kollegin zu Ende spielte. Eine tolle Performance, ein wunderschöner Abend.”

Tiroler Tageszeitung